Das verflixtre Bauchfett – und Anderes

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Das verflixte Bauchfett – und Anderes

vgn 20151110

von Heinrich von Grünigen, Dr. med. h. c., Präsident der Schweizerischen Adipositas Stiftung

Fett ist in unserem Körper allgegenwärtig. Wir haben es direkt unter der Haut («subkutan»), wo es uns als Isolierschicht vor Kälte schützt, es dient uns als Polster und als Halterung für bestimmte Organe (man nennt das «Baufett»), es ist unser Notvorrat und unsere Energie-Reserve, sollte uns vorübergehend die Nahrung ausgehen, und es tritt in verschiedenen Farben auf: weiss, braun und beige. Diese Farben, und was sie bedeuten, wollen wir näher betrachten.

Zuerst aber die Feststellung: Fett ist an sich ein nützlicher Bestandteil unseres Organismus’. Bei Normalgewichtigen macht das subkutane Fett unter der Haut rund 65% des gesamten Fett-Volumens aus. Für die Gesundheit problematisch wird es, wenn der Gesamt-Fettanteil im Körper ein gewisses Mass übersteigt. Dabei kennen wir die berühmte Unterscheidung zwischen «Apfel» und «Birne»: befindet sich das zu viele Fett vor allem im Bauchraum zwischen den inneren Organen (man nennt es dort «Viszeralfett») und wölbt sich deswegen die Bauchwand hart und tonnenförmig vor, dann spricht man von der Apfelform, wie sie häufig bei übergewichtigen Männern anzutreffen ist. Bei der birnenförmigen Verteilung sitzt das Fett vor allem unter der Haut des Unterbauchs und als sog. «Reiterhosen» an den Hüften und Oberschenkeln, vorzugsweise bei Frauen anzutreffen. Die Birnenform ist gesundheitlich viel weniger problematisch, wird aber dennoch als störend empfunden, weil sie dem aktuellen Schönheitsideal nicht entspricht. (In anderen Kulturkreisen und in früheren Zeiten galten üppige weibliche Erscheinungsformen hingegen als erstrebenswerte Merkmale für Fruchtbarkeit und Gesundheit.)

Das übermässige Viszeralfett (auch «Bauchfett» genannt) ist der eigentliche Bösewicht im Adipositas-Komplex: es gebärdet sich wie ein eigenständiges Organ, organisiert sich seine Blutversorgung und produziert eine Vielzahl von Hormonen und Botenstoffen, mit denen es den Glukosestoffwechsel, den Fettstoffwechsel und das Hungergefühl beeinflussen kann. Die Impulse, die das Fett auf diese Weise dem Gehirn und anderen Körperpartien übermittelt, können so stark sein, dass in «schweren» Fällen mit dem Willen allein kaum Gegensteuer gegeben werden kann. Fressattacken, unkontrollierte Nahrungsaufnahme, Essstörungen können die Folge sein, verbunden mit einer noch weiter gesteigerten Fetteinlagerung. Die Hormone, die bei diesem Vorgang eine Rolle spielen, sind u.a.: Leptin, Adiponectin, Resistin, Visfatin und Hepicidin…

Das meiste Fett, das wir im Körper haben, ist das «weisse» Fett. Seine Farbe ist zwar gelblich, aber es ist hell (wie man es von einer saftigen Scheibe Speck her kennt). Es kann all die oben erwähnten Funktionen übernehmen und ist ein ideales Speichermedium zur Konservierung von Energie, die mit der Nahrung aufgenommen aber nicht unmittelbar wieder verbraucht wird. Diese genetisch überlieferte Fähigkeit hat die Menschen – wie die meisten warmblütigen Lebewesen – im Verlauf der Evolution durch Jahrmillionen am Leben gehalten und hat ihnen ermöglicht, auch länger dauernde Hunger-Perioden zu überstehen. Dieser Prozess hat zu einer «Auswahl der fettesten» geführt: je besser die Speicher-Kapazität, umso sicherer das Überleben.

Zu allen Zeiten gab es übergewichtige, «dicke» Menschen, allerdings nur vereinzelte Exemplare, die unter ganz bestimmten Bedingungen lebten. Auf historischen Abbildungen sieht man sie: Könige, Päpste, Mönche, reiche Kaufleute… alles Personen, die nicht harte körperliche Arbeit leisten mussten, die sich reichlich bis luxuriös ernähren konnten. Aber das Volk, das sich bei karger Kost täglich abrackerte, blieb mager. Kaum je gab es ein Fettauge auf der Kohlsuppe. Die aktuelle Adipositas-Epidemie ist eine klare Zivilisationserscheinung, die durch relativen Wohlstand und einen permanenten Überfluss an kalorienreicher Nahrung verursacht ist, wie wir es praktisch seit zwei Generationen kennen. Der menschliche Organismus ist genetisch nicht auf Gewichtsverlust programmiert, er kann auf «natürliche» Weise nur zunehmen.

Allerdings gibt es Ausnahmen. Dies sind Menschen, welche einen grösseren Anteil an «braunem» (bzw. «beigem») Fett haben. Man schätzt ihren Anteil an der Bevölkerung auf ca. 30%. Das sind jene Menschen, die essen können was und wie viel sie wollen – und dabei kein Gramm an Gewicht zunehmen. Sie verwandeln die überschüssige Energie über Nacht in Wärme. Dies geschieht im «braunen/beigen» Fett, das so aussieht, weil es eine höhere Dichte an Mitochondrien hat. Das sind winzige Gebilde innerhalb jeder Körperzelle, welche die eigentlichen Energielieferanten sind. Am meisten Mitochondrien enthalten die Muskelzellen. Braunes Fett haben Säuglinge und kleine Lebewesen, da es Wärme erzeugen kann, von der umso mehr verbraucht wird, je «grösser» die Körperoberfläche im Verhältnis zum Volumen ist. Bei den Menschenkindern bildet sich im Lauf des Wachstums der «Babyspeck» zurück, aus dem braunen Fett wird weisses, «normales». Aber auch jeder Erwachsene hat noch einen kleinen Restposten – ca. 200 Gramm – braunes Fett, im Rücken zwischen den Schulterblättern.

Dieses braune Fett wurde schon im 16. Jahrhundert entdeckt, aber von der Medizin nicht besonders beachtet. Erst um die Jahrtausendwende rückte diese besondere Fettart in den Fokus der Forschung und man fragte sich, ob es nicht möglich wäre, den Anteil des braunen Körperfettes zu erhöhen, um den Kalorienverbrauch zu steigern. Dabei stiess man auf eine dritte Art von Fett, bei dem die Anzahl der Mitochondrien ebenfalls erhöht ist: das «beige» Fett. Diese Fettzellen sind wandelbar. Unter «normalen» Umständen verhalten sie sich wie weisses Fett, bei Kälte können sie jedoch auf Wärmeproduktion umschalten (Thermogenese). Nun zeigte sich, dass schlanke Menschen einen höheren Teil an beigem und einen geringeren an weissem Fett aufweisen. Wenn es möglich wäre, das weisse in beiges Fett umzuwandeln (ev. durch ein noch zu entwickelndes Medikament), wäre eine neue Therapie gegen Adipositas gefunden.

Versuche mit Mäusen haben gezeigt, dass diese Tiere in einem kalten Umfeld mehr beiges Fett produzieren. Kälte wäre demnach ein Anreiz zur Fett-Umwandlung. Aber wie lässt sich so etwas in der Praxis umsetzen? – Dass der Kalorienverbrauch in der Kälte steigt, ist an sich ein bekanntes Phänomen. Es gibt eine Theorie (sie wird u.a. vom Adipositas-Experten PD Dr. med. Fritz Horber vertreten), dass sich die Anzahl der Adipositas-Betroffenen in unseren Breitengraden auf die Hälfte reduzieren liesse, wenn in den Wohnungen konsequent die Zimmertemperatur gesenkt würde. (Welche Rolle hier die Klimaerwärmung spielt, ist eine andere Frage.)

Aktuell arbeitet die Forschung daran, nach Lösungen zu suchen, wie dem Körper auf andere Weise «Kälte» signalisiert werden könnte. Im Vordergrund stehen bestimmte Hormone wie Noradrenalin oder Irisin, aber die haben Nebenwirkungen mit höherem Gesundheitsrisiko, so dass eine «Kälte-Wunderpille» noch lange auf sich warten lassen dürfte.

So dass uns im Moment nur die bekannten Methoden zur Reduktion des «Bauchfetts» bleiben: die chirurgische Lösung als Langzeit-Garant, bewährte Programme unter medizinischer und fachlicher Begleitung, passende und geeignete Lebensstil-Veränderungen, aber vor allem und am wichtigsten: konsequente moderate Ernährungsweise und ausreichend Bewegung, um die Entstehung von zu vielem Fett von Anfang an zu verhindern.

 
Heinrich von Grünigen, Dr. med. h. c., Präsident
Schweizerische Adipositas-Stiftung SAPS
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8050 Zürich
Telefon 044 251 54 13
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